
Wilner Getto 1941-1944
Aus dem Jiddischen von Hubert Witt
2009. 272 Seiten
Gebunden mit Schutzumschlag
EUR (D) 22.95 /
CHF 39.90 (UVP) /
EUR (A) 23.60
ISBN 9783250105305
Abraham Sutzkever
Wilner Getto 1941-1944
In der Stadt und auf den Wegen
. . . als ich am 22. Juni frühmorgens das Radio anschloß, da sprang es mir entgegen wie ein Knäuel Eidechsen: ein hysterisches Geschrei in deutscher Sprache. Aus all dem Lärm folgerte ich nur: Das deutsche Militär war über unsere Grenzen ins Land gedrungen. Ich lief hinab nach draußen, ich geh, wohin die Augen tragen.
Ich komme zu Nojech Priluzki, dem Professor am jiddischen Katheder in der Wilner Universität. Er ist in sein Werk »Phonetik des Jiddischen« vertieft. »Mit der ersten Bombe auf russischer Erde hat sich Hitler sein Grab gegraben«, prophezeit Priluzki. Aber was zu tun ist, weiß er nicht. Er schreibt weiter an seinem wissenschaftlichen Buch.
Über die Straßen jagen Feuerlöschwagen. Bei der Grünen Brücke wütet ein Brand.
Ich ging heim zu meiner Mutter, hinter der Grünen Brücke. Meine Mutter freute sich sehr, überfiel mich mit Küssen, tröstete mich, daß sich alles zum Guten wenden wird. Sie hat Sauerampfer gekocht und mit Milch geweißt . . .
Flugzeuge warfen unaufhörlich Bomben ab. Gegenüber von uns am anderen Ufer der Wilje flackerte ein Gasreservoir. Das Feuer qualmte sogar her ins Zimmer und kratzte im Hals.
»Mame, komm, retten wir uns gemeinsam!«
Die Mutter strich mir über den Kopf, küßte mich auf die Stirn, und mit einem schmerzlichen Gesichtsausdruck, den ich unmöglich vergessen kann, fügte sie hinzu: Ich, mein Kind, werde nicht irgendwo hingehen. Mein Leben ist in dir. Gehe du und rette deine Jugend.«
Ich ging zu Dowid Umru, dem Redakteur der Zeitung »Emes«. Wir sitzen und grübeln über einen Ausweg. Zwölf Uhr nachts wurde es im Zimmer blendend hell. Flugzeuge hängten Leuchtraketen in die Luft. Gegenüber dem Fenster, im Bereich des Drei-Kreuze-Bergs, landeten deutsche Fallschirmspringer.
Die Flugzeuge des Feindes flogen über die Häuser. Auf der Ecke Gleser-Straße und Brejte Straße ist ein Haus eingestürzt. 60 Menschen blieben unter den Ziegeln. Auch in der Portowe-Straße stürzten Wände ein. Rauch von Bränden breitete sich in den Straßen aus. Leute mit Bündeln in den Händen zogen aus der Stadt. Gerüchte besagten, der Deutsche ist schon ganz nahe, und er wird Wilne vernichten.
Wir ziehen auch. Eine Gruppe von Schriftstellern, Gefährten, Nahestehenden. Ich lasse mein Haus im Stich. Von meinem Eigentum kann ich nur die schon gedruckten Blätter meines Poems »Sibirien« mitnehmen. Meine Frau nimmt ihr Tagebuch mit, das sie schon von ihrem zehnten Jahr an schreibt. Wir folgen der Subotsch-Straße in Richtung Minsk.
Wir begegnen einem ganzen Feldlager von Juden. Die Wagen vollgestopft mit Kissen und Frauen. Von dem Manne, der Pferd und Wagen führt, erfahren wir, daß er mit seiner Familie aus den »billigen Häusern« flüchtet. Im Dorf Slobode wohnt ein ihm bekannter Bauer, bei dem er die Kriegszeit überdauern will; und wenn man die Deutschen wieder vertrieben hat, will er nach Wilne zurückkehren. Jede Minute wird es gedrängter auf den Wegen. Jugendliche ziehen nach Osten, tiefer ins Land. Auch Ältere, Greise sogar. Wir jagen vor der Seuche davon, und die Seuche holt uns ein . . .
Deutsche Flugzeuge schwirren hernieder wie Heuschrecken. Sie machen Jagd auf einzelne Menschen. Beim Flüchten zersplittert sich unsere Gruppe. Umru und seine Frau gehen in den Wirren verloren. Ihr Kind fiebert auf meinen Armen. Ich will in eine Kate gehen und ihm zu trinken geben – aber alle Katen sind verlassen, die Bauern geflohen.
Nacht. Wir schlafen im Wald. Rotarmisten warnen uns, wir sollen uns vor Menschen hüten – denn herabgeworfene Deutsche gehen in Uniformen von Rotarmisten. Das Kind meines Freundes, das auf meinen Armen gebliebene, weint bitterlich. Es sehnt sich nach der Mutter. Es hungert. Ich sammle im Mondlicht ein paar Beeren und gebe sie dem Kind – es soll nicht in meinen Armen sterben.
Bei Oschmene hat uns der Deutsche schon eingeholt. Von weitem war das Klirren von Panzern zu hören. Bauern erzählten uns, daß es in der ganzen Gegend bereits von Deutschen wimmelt. Wohin kann man fliehen? Und außerdem trage ich das Kind!
Dörfer brennen. Flugzeuge über den Köpfen. Wir erkennen zwischen ihnen auch viele sowjetische; sie kämpfen unter den Wolken mit den deutschen Luftbanditen. In Rauch gehüllt stürzen einige neben uns ab.
Nicht weit von Wilne treffe ich den Vater des Kindes, das ich in meinen Armen trage. Ich gebe ihm sein Baby zurück, und ich bin glücklich, daß ich es am Leben erhalten konnte.
Wir nächtigen in einer Scheune bei einer Bäuerin.
Durch die Ritzen sehen wir, wie Naj-Wilejke brennt. Nachts kommen Motorräder, halten bei der Scheune. Ich höre diese Sprache, von der Europa geschändet wird. Deutsche Gendarmen schnüffeln im Dorf. Sie rufen unsere Bäuerin heraus und fragen sie, ob sie keine Juden versteckt hält. Meine Gefährten schlafen. Ich allein bin wach. Von einem ihrer Worte hängt unser Leben ab. Sie antwortet in ihrer Muttersprache:
»Nein, hier ist keiner«, und die Gendarmen fahren weiter.
Panzer, Panzer, Panzer. Die ganze Oschmener Straße ist eine Kette von Panzern. Sie trommeln, rasseln, dröhnen und machen taub. Wir warten einen halben Tag. Endlich können wir aufbrechen. Auf demselben Weg, den wir geflüchtet waren, gehen wir zurück. An der Wilejke waschen wir uns, zerreißen Papiere, Dokumente – falls eine Kontrolle kommt, soll man nichts finden. Meine Frau küßt ihr Tagebuch, und Blatt um Blatt überläßt sie es dem Wasser.
Ich bin wieder in der Stadt. Auf den Straßen habe ich fast keine Juden bemerkt. Einige alte Männer streiften mit gebeugten Köpfen die Wände entlang. Die Bevölkerung blieb in den Häusern. In der Stadt tauchten neuartige, finstere Gestalten auf, mit weißen Armbinden und kleinen Gewehren auf den Schultern. Unter ihnen erkannte ich einen Studenten der Wilner Universität.
Beim Schloßberg führten die weißen Armbinden, mit dem Gewehr im Anschlag, etwa 20 Mann, unter ihnen Salmen Schapiro, einen Apotheker aus der Wilkomirer Straße. Man führte sie alle auf den Schloßberg. Bei der Grünen Brücke hörte ich, vom Schloßberg her, eine Salve aus vielen Gewehren. Ich drehte mich um und sah nur ein flatterndes Hakenkreuz auf dem Gedimin-Palast. In meine Wohnung in der Subotsch-Straße 6, wo ich alles verlassen hatte, bin ich nicht mehr zurückgekehrt. Ich ging zu meiner Mut ter in die Wilkomirer 14, wo ich 20 Jahre gelebt hatte. Meine Mut ter traf ich verweint an. Ein eifriger Bote hatte ihr gestern erzählt:
Er habe mich liegen sehen – tot, von einer Bombe zerrissen.
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